Einen Augenblick zum sinnieren

"Schöne Freundschaft" von Pixelio.de (C) by SMAILY

Liebe Freunde,
geschätzte Leser,

‘Schöne Freundschaft’
(C) by Smaily
BildNr.: #298674 • via pixelio.de

…gerade in der Weihnachtszeit bekommen wir ja alle immer wieder mal die tollsten eMails, mit teils sehr anrührenden Geschichten, Erzählungen, oder Anekdoten. Heute erreichte mich eine Ketten-eMail mit dem Betreff: „Einen Augenblick zum sinnieren„. Gleich als ich begann die Geschichte zu lesen, erkannte ich sie wieder. Sie war mir (zumindest in den markanten Teilen) in meinem eigenen Leben passiert und zwar nicht in der hier beschriebenen Theatralik „…am Sarg des Kindes hörte sie dann…„, doch dazu dann gleich im Anschluss noch etwas mehr.

Ich erhielt also die besagte eMail und weil sie von einem mir besonders wichtigem Menschen, einer lieb gewordenen Freundin kommt, lasse ich meine Arbeit für einen Moment Arbeit sein und lese mit großer Aufmerksamkeit eine von ihr weitergeleitete Nachricht mit folgendem Inhalt:

Einen Moment zum Sinnieren!

Eines Tages bat eine Lehrerin ihre Schüler, die Namen aller anderen Schüler der Klasse auf ein Blatt Papier zu schreiben und ein wenig Platz neben den Namen zu lassen. Dann sagte sie zu den Schülern, sie sollten überlegen, was das Netteste ist, das sie über jeden ihrer Klassenkameraden sagen können und das sollten sie neben den desjenigen Namen schreiben. Es dauerte die ganze Stunde, bis jeder fertig war und bevor sie den Klassenraum verließen, gaben sie Ihre Blätter der Lehrerin beim raus gehen ab.

Am Wochenende schrieb die Lehrerin schließlich jeden Schülernamen auf ein weißes DIN A4 Blatt und darunter dann die Liste aller netten Bemerkungen, die ihre Mitschüler über den Einzelnen aufgeschrieben hatten. Am Montag gab sie jedem Schüler seine, bzw. ihre Liste. Schon nach kurzer Zeit lächelten alle. „Wirklich?“, hörte man flüstern. „Ich wusste gar nicht, dass ich irgend jemandem was bedeute!“ und „Mir war gar nicht klar, dass mich andere so mögen„, waren die häufigsten Kommentare in einem wilden Geraune, dass vor Freude und Lebenslust geradezu eine wonnige Kakophonie lachender, fröhlicher Kinderstimmen.

Niemand erwähnte danach die Listen jemals wieder.

Die Lehrerin wusste nicht, ob die Schüler sie untereinander oder mit ihren Eltern diskutiert und ausgetauscht hatten, aber das machte ihr auch gar nichts aus. Die Übung hatte ihren Zweck voll und ganz erfüllt. Die Schüler waren glücklich mit sich und mit den anderen. Sie nahmen sich selbst als wertvolle und geliebte Menschen wahr und gewannen an Selbstwert, wie es keine Psychotherapie dieser Welt in so kurzer Zeit hätte schaffen können!

Einige Jahre später war einer dieser Schüler überraschend verstorben – bei einem Verkehrsunfall mitten aus dem Leben gerissen, bevor dieses überhaupt richtig beginnen konnte und die Lehrerin ging natürlich zum Begräbnis ihres mittlerweile ehemaligen Schülers. Die Kirche war nicht nur gut besucht, sondern regelrecht überfüllt mit den vielen Freunden und Bekannten dieses jungen Menschen. Einer nach dem anderen, der den jungen Mann gekannt oder wahrscheinlich sogar geliebt hatte, ging am Sarg vorbei und erwies ihm die letzte Ehre. Die Lehrerin folgte dem als Letzte und betete noch kurz vor dem Sarg.

Als sie dort stand, sagte einer der Anwesenden, die zuvor den Sarg trugen, zu ihr: „Waren Sie nicht Marks Mathematiklehrerin?“ Von der Trauer noch tief bewegt, beließ Sie es bei einem einfachen nicken und einem leisen „Ja“. Da sagte der junge Sargträger: „Mark hat sehr oft und viel von Ihnen gesprochen.“

Nach dem Begräbnis waren die meisten von Marks früheren Schulfreunden noch beim üblichen Toten-Kaffee versammelt. Marks Eltern waren selbstverständlich auch da und sie warteten offenkundig sehnsüchtig darauf, mit der besagten Lehrerin noch einmal sprechen zu können: „Wir wollen Ihnen etwas zeigen“, sagte schließlich Marks Vater zu ihr und zog eine Geldbörse aus seiner Manteltasche. „Das wurde gefunden, als Mark tödlich verunglückt ist. Wir dachten, Sie würden es vielleicht erkennen?!“ und während Marks Vater noch die Sätze zu ende sprach, zog er aus dem Portemonnaie ein stark abgenutztes Blatt Papier.

Die DIN A4 Seite war offensichtlich häufig gelesen, gezeigt und weitergereicht worden, denn vom viele Male gefaltet und auseinander gefaltet werden war das Blatt schon ganz mürbe geworden. Die Faltstellen, die dem häufigen auseinander falten und wieder zusammenlegen längst nachgegeben hatten, wurden sauberst geklebt und selbst die Tesa-Stellen wurden nochmals überklebt und offensichtlich wieder und wieder aufs neue zusammen geleimt.

Die Lehrerin wusste ohne eines genaueren Blickes auf den Text schon sofort, dass dies eines jener Blätter war, auf denen die netten Dinge standen, die seine Klassenkameraden über Mark geschrieben hatten. Sie erkannte sofort ihre eigene Handschrift, in der sie die Begriffe der anderen Kinder auf diesem Blatt zusammengeführt hatte – vor vielen, vielen Jahren.

Wir möchten Ihnen so unendlich dafür danken, dass Sie seinerzeit » d a s « für Mark getan haben„, sagte Marks Mutter. „Wie Sie sehen können, hat Mark das noch sehr lange geschätzt und selbst für Jahre noch mit sich getragen.

Alle früheren Schüler versammelten sich um die Lehrerin. Charlie, einer von Marks ältesten Freunden, lächelte ein bisschen und sagte: „Ich habe meine Liste auch noch. Sie ist in der obersten Schublade an meinem Schreibtisch„. Die junge Ehefrau des Mitschülers Heinz sagte: „Heinz bat mich auch, dass diese Liste in unser Hochzeitsalbum gehöre, wo es heute noch gut geschützt hinter Folie liegt.“, „Ich habe meine auch noch“, sagte Monika. „Sie liegt in meinem Tagebuch und wann immer ich mal traurig bin, ist sie mir heute noch eine Stütze durch düsteren Stimmungen.“ Dann griff Irene, eine andere Mitschülerin, in ihren Taschenkalender und zog ihre ebenfalls längst abgegriffene und ausgefranste Liste den anderen. „Ich trage sie immer bei mir“, sagte sie dazu und meinte dann: „Ich glaube, wir haben fast alle diese Listen aufbewahrt.“

Die Lehrerin war so gerührt, dass sie sich setzen musste und weinte. Sie weinte um Mark und für alle seine Freunde, die ihn nie mehr sehen würden.

Im tagtäglichen Zusammenleben mit unseren Mitmenschen vergessen wir oft, dass jedes Leben eines Tages enden muss und dass wir niemals sicher sein können, wann dieser Tag für jeden Einzelnen von uns gekommen sein wird. Deshalb sollte man jenen Menschen, die man liebt und um die man sich sorgt, auch wissen lassen, dass sie etwas besonderes, wertvolles und wichtiges sind.

Sag es ihnen, bevor es zu spät ist.

Im weiteren Verlauf dieser Ketten-eMail heist es dann leider:

Weihnachtsengel – Ich denk an dich…
(C) juni/2007 by bluemchen
#205359 via pixelio.de

„Du kannst es auch tun, indem Du diese Nachricht weiterleitest. Wenn Du dies nicht tust, wirst Du eine wunderbare Gelegenheit verpasst haben, etwas Nettes und Schönes und Richtiges zu tun….“ Ich sage deshalb „leider“, weil ich selbst zu denen gehöre, die keine Freunde von solchen völlig sinnfreien Kettenbriefen sind. Dabei sage ich abermals „leider“ ganz bewusst, denn wenn der Absender den Inhalt auch wirklich verstanden hätte, dann wäre es doch nahe liegend gewesen, im Anschluss an die weitergeleiteten Zeilen wenigstens einige nette Worte anzuschliessen, oder?!

Aber vielleicht sind wir auch einfach alle viel zu sehr Opfer dieser Click’and’forget-Gesellschaft und wer weiß wo wir uns hin entwickelt hätten, wenn neben dem „Antworten“- und „Weiterleiten“-Button von Outlook und Entourage sich auch der Button „Weiterleiten und ein paar nette Worte dazu“ durchgesetzt hätte?!

Ich kenne diese Geschichte! Ich kenne sie von meiner ehemaligen Klassenlehrerin, Frau Mechthild Meier-Lenoir. Ihres Zeichen Oberstudienrätin an der integrierten Gesamtschule „Obere Aar“ in Taunusstein-Hahn. Eine schwer beeindruckende Frau, die damals schon kurz vor dem Rentenalter, noch mitunter die jüngste, frischeste und offenste, aber auch respekt- und ehr- einflössendste Lehrerin meiner gesamten Schul- und Ausbildungszeit.

Frau Meier-Lenoir erzählte uns eine ähnliche Geschichte. Nur war in der 80-er Jahre Fassung der Schüler Mark noch nicht gestorben und das gemeinsame Treffen zwischen Eltern und Lehrerin nicht ganz so theatralisch am Grab des Jungen, sondern die Eltern stellvertretend für einen erfolgreichen und deswegen verhinderten Mark zum Klassentreffen erschienen, wo man von Marks beruflicher Entwicklung erfuhr, auch ein sehr stolzer und berührter Vater diesen „speckigen“ Zettel hervor zog und voller Stolz berichtete, dass sein Sohn ihm diesen geschickt habe – mit der Bitte ihn am Klassentreffen zu vertreten, der Lehrerin von der Rolle des Zettels zu berichten und ihm diesen dann wieder umgehend hinterher zu schicken.

Doch kommen wir auf den Punkt:

Machen Sie sich noch Gedanken über ein Weihnachtsgeschenk der besonderen Art? Vielleicht sogar für einen Menschen, den Sie besonders mögen? Warum schreiben Sie nicht einfach mal wieder einen Brief – einen Brief und ein DIN A4 -Blatt, mit ganz ähnlichem Inhalt? So á la: „Ich möchte, dass du weist, dass mir die nachfolgenden Begriffe durch Kopf und Geist wandern, wenn ich an dich, dein Wirken und deine Ausstrahlung denke…“?!

Im Mindestfall bliebe aber zu wünschen, dass Sie aus dem Kettenbrief etwas neues, schönes erwachsen lassen, sollte er auch Ihnen in den nächsten Tagen durch das Postfach wandern. Wenn Sie ihn schon weiterleiten möchten und an dieser „Kette“ teilnehmen wollen, dann nehmen Sie sich doch wenigstens die Zeit ihn einzeln weiter zu leiten und dem Empfänger dann auch einige aufmunternde Worte zukommen lassen, die ihm wiederum weit mehr als nur diese wunderbare Geschichte schenken. Nämlich seinen ganz persönlichen und aufmunternden Zettel!

In diesem Sinne, wünsche ich Ihnen und allen Lesern auch in diesem Jahr wieder eine WUNDERvolle, besinnliche und gnadenreicher Weihnachtszeit und verbleibe mit den besten Wünschen aus einem winterlich verschneiten Geilnau,

Ihr…

Frederic Ch.Reuter

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2 responses to “Einen Augenblick zum sinnieren”

  1. hagebuttensenf says :

    Ein schöner Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht… Dankeschön dafür 🙂
    Am schönsten finde ich es jedoch, wenn man nicht bis Weihnachten wartet, um lieben Menschen zu sagen, was sie für einen bedeuten, ein Blümchen, eine Karte, ein besonders ausgewählter Spruch, selbst von Hand schnell hingekritzelt – das alles kann genau so schön sein wie ein besonderes Weihnachtsgeschenk. Und in meinen Augen durchaus auch mal ersetzen. Dann ist Weihnachten auf einmal nicht mehr ganz so stressig…
    Herzliche Grüße von Anke

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  2. freuter says :

    YEPP!
    …und gerade dein Kommentar lässt mich an der eigenen Nase zupfen und feststellen, dass ich es selbst noch vieeeel zu selten tue! Also gönne ich jetzt meinem Rechner den lange ersehnten Neustart nach einem Update und werde derweil man wieder nach meinem Füller greifen 😉

    DANKE für deinen Ansporn und die Anregung!

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